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ach, europa

haltegriffe(1).jpg haltegriffe am kinderspielplatz, wien brigittenau, oktober 2025


1987 erschien Hans Magnus Enzensbergers Buch "Ach Europa", ein Essayband mit sieben als Stoßseufzer gefassten Länderberichten zum Zustand des Kontinents. Das war knapp vor den radikalen Umwälzungen von 1989, die uns als Ende des Kalten Krieges erschienen sind. Heute schämen wir uns angesichts derartig naiv-optimistischer Fehleinschätzungen.

Nun, gegenwärtig erleben wir wieder tiefgreifende Veränderungen, die wir uns in ihrem Albtraumcharakter nie hätten träumen lassen. Wiederholt Seufzer allerorten. Versäumt Europa nicht etwas, angesichts der neuen Weltordnung und des tiefen Bruchs im transatlantischen Bündnis? In einer Welt ohne Recht braucht es wohl ein starkes Europa. Das ist auch eine Überlebensfrage für die in ihm agierenden und von Trump und Putin angefeindeten Demokratien.

Das Nachdenken über Europa schwankt heutzutage zwischen den Gefühlen von Ohnmacht und Selbstüberschätzung. Das (vorläufige) Zurückstecken Trumps in Bezug auf Grönland mag so manchen politischen Kommentator zur Einschätzung einer vermeintlichen Stärke Europas verführen.

Manch europäische Intellektuelle meinen sogar (in angemessener Selbstüberschätzung), dass die Zeit für eine Unabhängigkeitserklärung der Europäischen Union gekommen sei. Die Vereinigten Staaten von Europa sehen ihre Zeit gekommen. Aber auch ein Imperiales Europa der zwei Geschwindigkeiten dräut am Horizont. Oder, wie Anne Applebaum andeutet: Vielleicht wird die Europäische Union aber auch sterben.

Bis es so weit ist, übt sich die Union in der gewohnten Politik der kleinen Schritte. Mercosur Abkommen, das Freihandelsabkommen mit Indien, der Digital Service Act, die Verurteilung der iranischen Revolutionsbrigaden als terroristische Gruppe - Entwicklungen wie diese ermutigen ein weng. Doch die Angst bleibt bestehen, weltpolitisch vereinnahmt und in unserer demokratischen Substanz filetiert zu werden. Aber zu viel gefürchtet ist halb gestorben.

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