Flyer zum Gedenken an die getöteten Frauen, Wien, Thaliastrasse, 01/2026
Die alltägliche Gewalt
Wir haben Mitte Januar und in Österreich sind 2026 wieder zwei Femizide passiert. Wenn ich sage "passiert", ist mir bewusst, dass Derartiges sich nicht einfach ereignet, sondern sich als Gewaltbereitschaft unter uns Männern manifestiert.
Alltagsgeschichten, etwa am Rand eines Einkaufssamstags, als ein Mann die Familienmitglieder brüllend zurechtweist und seine Frau herumzustoßen beginnt. Als ich mich einmische, brüllt der Mann auch mich an: Was in seiner Familie passiert, gehe nur IHN etwas an. Es geht natürlich um Besitzdenken, wie auch eine jüngst in Wien erschienene Studie nachweist.
Viele Geschichten dieser Art gibt es im Alltag von Stadt wie Provinz: das geschwollene Auge, versteckt hinter den Sonnenbrillen einer Kollegin; jugendliche Männer, die ein Mädchen lüstern in der U-Bahn umkreisen; ein gewalttätiger Streit eines Pärchens in einer Einkaufspassage; eine liebe Freundin, die an einem PTS leidet, das sie sich bei ihrem Ex-Mann vor 20 Jahren zugezogen hat zugezogen hat; Frauen des öffentlichen Lebens, die von und in den Medien unverschämt desavouiert werden. Gewalt hat ein Spektrum, sie beginnt im Kleinen und endet in der körperlichen Beschädigung.
Es geht um die Männer
Einiges wird in Sozialen Medien darüber geschrieben, Frauen meinen zu Recht ungeduldig-aggressiv, es müssten endlich auch Männer Stellung gegen Frauenfeindlichkeit beziehen, wie auch die Psychiaterin Heidi Kastner betont betont. Das tun wir, aber viel zu wenig. In der näheren Wohnumgebung Graffitis auf Häuserwänden: Stoppt Femizide. Doch Beratungsstellen für Frauen und Männer, obwohl in Wien gut beworben, werden zu wenig frequentiert.
In der Diskussion wird hauptsächlich den schlecht gebildeten, migrantischen und minderbemittelten Männern die Hauptlast der Gewalt an Frauen zugeschrieben. Was unwahr und nur eine der vielen Ausflüchte ist, mit denen sich Mächtige exkulpieren. #MeToo gilt noch immer. Auch in der Hochkultur grassiert die Lust am Frauenleid, wie dies etwa Jasmin Schreiber in einem Essay beschrieben hat.
Ein Aktionsplan gegen Gewalt an Frauen
Anfang April wurde Eva-Maria Holzleitner als Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung angelobt. Sie hat sich in ihrem ersten Interview als Feministin bezeichnet. Es gibt nunmehr endlich eine Nationale Koordinierungsstelle "Gewalt gegen Frauen", aber 2025 ereignen sich auch 25 Femizide. Ich wünsche mir, mehr von entsprechender Regierungsarbeit zu sehen und zu hören. Viele wünschen sich eine breit angelegte Kampagne, an der sich auch die Medien beteiligen.
Bleibt uns Männern nur Scham und Selbstaufklärung, aber auch nicht mehr hinwegzusehen in unserer Umgebung, in der Politik und den sozialen Medien. Gerade letztere sind voll von Mansplaining, Untergriffigkeiten, rechter Misogynie und offener verbaler Gewalt. Dazu hat die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig ein Buch geschrieben, das Mitte Februar 2026 erscheinen wird.
Wir bleiben aufmerksam und entschieden. Wir denken auch mehr über uns selbst nach.